Es begann alles mit dem Absturz, den ein süchtiger Mensch wohl braucht, um seinem Leben eine Wendung zu geben. So war es auch bei mir.

Mein Abstieg begann mit einen Konflikt mit der Mutter meiner Kinder. Ich fing nach Jahren der Abstinenz wieder an Drogen, Alkohol und Medikamente zu konsumieren. Die Folgen daraus waren katastrophal, aber das begriff ich anfangs nicht. Ich hörte auf, meine Medikamente zu nehmen und war 24 Stunden in meinem Konsum gefangen. Das Resultat war eine wiederkommende Psychose, die ich aber ständig teilnahmslos vom Konsum, nicht bemerkte.
Mein Gefühl war, dass bei mir alles in Ordnung sei und nur die anderen sich seltsam oder komisch verhielten. So verging eine ganze Weile in der ich konsumierte und mich immer mehr verwahrlosen ließ. Dadurch reduzierte auch den Kontakt zu meinen Kindern. Für mich gab es nur das Denken, wie komme ich an Geld für Drogen und um meiner Spielsucht nachgehen zu können. Ich kam auf die dubiosesten Ideen, wobei auch einige funktionierten, allerdings bin ich deswegen straffällig geworden. Was mich aber in meiner Welt überhaupt nicht interessierte. Als dann Weihnachten 2012 vor der Türe stand, hatte ich wieder einmal Finanznot. Ich besorgte mir so viel Drogen und Alkohol, wie ich konnte und verbrachte Weihnachten im totalen Konsum. Meinen Kindern konnte ich dadurch nicht mal ein angemessenes Weihnachtsgeschenk machen. Dazu kam dass ich in meiner verdrehten Welt lebte und alle anderen Schuld hatten. Nur ich nicht.
Ich verbrachte dann ebenfalls den Jahreswechsel alleine und mein Vorsatz für das neue Jahr war, so schnell wie möglich zu sterben. Deshalb begann ich den mittlerweile vierten Suizidversuch, der mich aber weder in den Himmel noch sonst wohin brachte. Wach wurde ich auf der Intensivstation des örtlichen Krankenhauses. Nach einigen Stunden kam eine Amtsrichterin, die mir dann die Wahl ließ, zwischen anschließendem freiwilligen Psychiatrieaufenthalt oder einem sogenannten Psych.-KG d.h. ich wäre gegen meinen Willen eingewiesen worden. Ich folgte freiwillig auf die geschlossene Station. Weitere Bedingung war, dass ich ab sofort einen gesetzlichen Betreuer bekam der umfassend das Sagen über mich haben sollte.

Wieder Psychiatrie…

In der Psychiatrie versuchte ich weiterhin meinem Leben ein schnelles Ende zu bereiten, was mir aber auch da nicht gelang. Alle Bemühungen der Ärzte mich auf den richtigen Weg zu bringen, ignorierte ich. Wir hatten bereits Ende Januar als ich entlassen wurde. Ich stand vor meiner Haustür und mein Schlüssel passte nicht mehr. Mein Vermieter hatte meine Abwesenheit dazu genutzt mein gesamtes Hab und Gut zu beschlagnahmen und die Wohnung neu zu vermieten. Dies alles geschah aus meiner eigenen Schuld. Ich hatte Mietschulden angehäuft, weil ich das Geld lieber für Drogen und meine Spielsucht verwendete.
Ich war verzweifelt, wusste weder wohin, noch was ich tun konnte. Da fiel mir ein, dass ich ja einen gesetzlichen Betreuer hatte, der mir helfen sollte. Ich kontaktierte ihn und er begleitete mich um eine Unterkunft zu suchen, die nichts kosten durfte und sofort beziehbar war.
So begann der absolute Abstieg. Meine Süchte hatten mich wieder eingefangen. Ich hauste jetzt in einer Notunterkunft mit Menschen, die nur Konsum und vor allem Gewalt kannten. Für mich als Pazifisten, der jegliche Art von Gewalt verabscheut, ein absoluter Horror.
Nach und nach verfiel ich immer mehr dem Alkohol. Ich hatte nun nichts mehr zu verlieren. Meine Kinder hatte ich zu diesem Zeitpunkt fast ein halbes Jahr nicht mehr gesehen.
Nach einigen Wochen in dieser Unterkunft beschloss ich mich zu entgiften. Ich packte mein nötiges Hab und Gut: zwei Hosen, zwei Pullis, einen Gürtel, eine Jacke sowie ein Paar Schuhe und machte mich auf den Weg in die Psychiatrie.

Hoffnung…

Seit dem letzten Aufenthalt und diesem verlor ich nahezu 20 kg. Das Straßenleben war nichts für mich. Es war Februar 2013. Die Klinik sagte mir, da ich innerhalb von kurzer Zeit schon das zweite Mal da war, dass ich nur eine zehntägige Entgiftung bezahlt bekommen würde. Daher stiegen wir sofort mit der absoluten Mindestmenge ein. Ich wurde von Schmerzen und Krampfanfällen gebeutelt. Heute sehe ich, dass das genau der Entzug war, den ich brauchte, begleitet von irren Schmerzen und Nebenwirkungen. Die Klinik bot mir die Möglichkeit weiter Therapie zu machen, aber ich wollte nicht. Noch nicht.
Es war kurz vor Karneval, und ich wollte noch einmal feiern, was ich auch ausgiebig tat. Am Rosenmontag wurde ich dann im Vollrausch ausgeraubt, wonach ich so enttäuscht, frustriert und depressiv war, dass ich wieder in die Klinik ging. Dies war besser als ein erneuter Suizidversuch.
In der Klinik war ich mehrere Monate auf der geschlossenen Station, da ich weiterhin hochgradig suizidal war. Hinzu kam dass ich das Sprechen verlernt hatte. Ich war so depressiv dass ich mich morgens an ein Fenster setzte und erst wieder merkte, dass ich dort saß, weil es bereits dunkel geworden war. Das ging mehrere Monate so. Schritt für Schritt brachten mich meine Therapeuten und Ärzte wieder in die Realität zurück, was mir nach vielen Wochen der Depression erst bewusst wurde. Ich begann wieder mit meinen Mitmenschen Kontakt aufzunehmen, indem ich mich anfangs nur einsilbig mitteilen konnte und im weiteren Verlauf wieder sprechen lernte.

In der Klinik sagte man mir, dass eine Langzeittherapie nicht möglich sei, weil der Kostenträger regelmäßige Suchtberatungstermine haben wollte, und ich seit Monaten nicht mehr da war.
Dies war aber nur die Version, die mir erzählt wurde. Die Ärzte führten im Hintergrund schwere Verhandlungen mit dem für mich zuständigen Kostenträger, so dass ich Ende April die freudige Nachricht bekam, dass ich doch in eine Langzeittherapie gehen durfte. Von da an sollte mein Leben eine Wendung nehmen.

Ich begann am 27.05.13 meine stationäre Langzeittherapie. Von Anfang an, merkte ich dass meine Behandler absolute Profis waren, die sehr zielorientiert mit mir arbeiteten. Anfänglich war meine Sozialphobie noch ein Thema, dass mich und meine Behandler einige Zeit beschäftigte. Aufgrund der Depressionen und Psychosen konnte ich meinen Mitmenschen nicht mehr in die Augen sehen. Dies äußerte sich durch eine Baseballkappe, die ich ständig in Gesellschaft trug und so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass meine Augen verdeckt waren und ich von meinem Gegenüber nur ein Profil abwärts der Hüfte wahrnehmen konnte. Dies legte sich im Fortlauf der Behandlung. Es gab immer mal wieder Krisen zum Beispiel als die Mutter meiner Kinder Kontakt zu mir aufnahm, anfangs per Mail, später dann auch telefonisch. Das belastete mich sehr, aber meine Behandler standen mir jederzeit bei. Ich war wahnsinnig zufrieden, vor allem mit meiner Bezugstherapeutin und meinen Bezugsgruppen. Von dort konnte ich für mich neben der DBTS-Gruppe (Borderline Erkrankte mit Suchproblem) am meisten mitnehmen. Von Beginn an stand ich im regen Austausch mit dem Sozialdienst der Klinik, der mich zu jeder Zeit tatkräftig unterstützte und mir half eine Anschlusslösung zu finden, die nach der Langzeittherapie für mich in Frage kam und die mir zur weiteren Abstinenzfestigung behilflich sein sollte. So kam ich zu meiner „neuen Heimat“ KIEL. Schon in der REHA-Woche (Gelerntes zu Hause umzusetzen) bemerkte ich das der Sozialdienst der Klinik erstklassige Arbeit geleistet hatte, denn die besuchte Einrichtung passte wie die Faust aufs Auge.

Zum Ende der Therapie zog ich zwei Wochen vor dem regulären Entlassungstermin aus und fuhr nach KIEL. Der Abschied aus der Klinik und allen Ihren Mitarbeitern fiel mir wahnsinnig schwer, ich konnte mich nur schwer daran gewöhnen nicht mehr die Unterstützung durch das richtige Setting zu haben. Straßennamen konnte ich mir nur merken, wenn dort auch eine Spielhalle war und unbekannte Wahrnehmungen machten mir Angst. Deshalb stimmte ich einer erneuten stationären Auffrischungsbehandlung von zwölf Wochen zu. Ich wollte endgültig von meinen Süchten, auch mental Abstand nehmen.
Ohne der Hilfe aller Behandler hätte ich dies niemals geschafft. Ich bin dankbar, dass mir wirklich geholfen wurde.

Mein neues Leben in Kiel

Es war Oktober 2013 als ich mein Zimmer im vollstationären betreuten Wohnen bezog. Dort war das Leben ähnlich wie in der Klinik. Mir wurde alles Schwierige abgenommen, damit ich in meiner neuen Heimat ankommen konnte. Dies sah folgendermaßen aus: Ich brauchte und konnte nicht einkaufen gehen, deshalb wurden Lebensmittel gestellt. Ich lernte langsam wieder mehr Verantwortung für mein eigenes Leben zu übernehmen.
Durch viele Angebote innerhalb des Wohnhauses lernte ich meine Mitpatienten besser kennen. Ich wohnte in einer Vierer-WG wo Konflikte an der Tagesordnung waren. Daraus resultierte meine gesteigerte Frustrationstoleranz. Man konnte nur nach vorheriger Absprache länger als 22 Uhr Ausgang haben. Ich nahm meine Psychotherapie wieder auf und stabilisierte mich weiter. Durch Ausflüge und Sportangebote fand ich wieder in die Spur.
Nach ca. einem Jahr merkte ich, das dieses Leben ohne Eigenverantwortung mir fremdgesteuert vorkam. Nach einem Gespräch mit der Heimleitung kamen wir zu dem Ergebnis, das ich den nächsten Schritt in meiner Entwicklung machen sollte. Ich beratschlagte mit meinem gesetzlichen Betreuer die Situation. Durch das engmaschige Setting des Wohnhauses bekam ich Sicherheit. Jetzt wo es wegfallen sollte, wurde ich wieder suizidal. Ich wollte etwas Neues, war aber zu verunsichert um mir diese Verantwortung zuzutrauen. Das Resultat daraus war ein erneuter Klinikaufenthalt vor Ort in einer Akutklinik. Dort wurde ich neu auf Medikamente eingestellt und bekam wieder Zuversicht. Nach der Stabilisierung bemühte ich mich aktiv meine Wohnsituation zu verändern.
So lernte ich die GSHN (Gesellschaft für Soziale Hilfen im Norden) kennen.

Mein Leben bei der GSHN

Eine Mitarbeiterin des Wohnhauses kannte eine Mitarbeiterin der GSHN und so wurde ein Erstkontakt vereinbart. Viele Anträge, Behördenausflüge und ausführliche Infogespräche später, bekam ich Mitte Dezember 2014 die Zusage zum Einzug ins begleitende Wohnen. Es dauert allerdings noch einen Monat bis ich alle Kostenzusagen zusammenhatte und endlich einziehen durfte. Nach einigen Wochen in der neuen Wohnsituation, 2er WG mit eigenverantwortlichem Einkaufen und Putzen, merkte ich dass mein „Freund“ die Psychose wieder durchkam. Trotz aller Medikamente, die ich weiter nahm, war der Stress der Situationsveränderung und Eigenverantwortlichkeit zu hoch. So kam es, dass ich wieder einmal mein Zelt in der Klinik aufschlagen musste. Diesmal für sechs Monate, wobei die Psychose begleitet wurde durch Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Nach drei Monaten Aufenthalten kam es zu einer internen Verlegung in eine Spezialklinik für Zwangsstörungen. Dort lernte ich aktiv mit meinen Zwängen umzugehen und reduzierte diese massiv. Nach Entlassung fiel ich aber wieder in ein tiefes Loch. Ich musste mir eingestehen, dass rezidivierende (wiederkehrende) Depressionen auch mein Thema sind. Durch die Unterstützung meines Hilfekreises aus ambulanter, gesetzlicher und häuslicher Betreuung fand ich zurück ins Leben.

Ich habe mir heute ein soziales Netz aufgebaut, wo ich mich in Krisen jederzeit melden kann. Sollte ich nochmal psychotisch werden und keine Einsicht zeigen, habe ich meinen Unterstützern die Vollmacht erteilt mich notfalls Zwangseinzuweisen. Aus der Vergangenheit kenne ich mich und weiß, wenn ich zu viele oder falsche Medikamente einnehme, dass ich nicht mehr selber entscheiden kann. Gott sei Dank ist das nicht wieder vorgekommen.

Heute, 15 Monate später, habe ich wieder richtige Freunde und kann mein Leben wieder positiv gestalten. Die Aufenthalte in den Kliniken und die Unterstützung der Einzelnen haben mein Leben verändert. Ich bin heute ein Mensch, der wieder Träume hat und wieder an das Gute glauben kann. Ein Mensch mit einer gesunden Einstellung zum Leben.

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